Seit der Gründung der christlich-sozialen Parteien in Europa ist mehr als ein Jahrhundert vergangen. Zwischen damals und heute liegen zwei Weltkriege, soziale und kulturelle Umbrüche, und ein demoskopischer Wandel verbunden mit einem stetigen Rückgang an christlichen Gläubigern. Diese Faktoren haben nicht nur die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geändert, sondern auch die christlich-sozialen Parteien in Österreich und der Schweiz.
Das Buch versucht, die historischen Situationen zu analysieren und die Frage zu beantworten, ob eine Politik aus christlicher Verantwortung möglich ist. Es ist das Ergebnis eines Symposiums im Rahmen des Programmes “Katholische Studien” an der Universität Fribourg. In den akademischen Beiträgen beleuchten die Autoren die Anfänge und Transformationen in den christlich-sozialen Parteien der Schweiz und Österreichs, den Einfluss des gesellschaftlichen Wandels auf das Wählerverhalten und die Zukunft christlicher Politik.
Abgesehen vom Rückgang an gläubigen Katholiken ist es vor allem der Wertewandel innerhalb der katholischen Bevölkerung, der eine Anpassung der Parteien und der Politik erfordert. Die institutionelle Religiosität wird durch individuelle spirituelle Erfahrungen verdrängt. Religion verliert ihren Stellenwert als eine soziale Kohäsionskraft. Dort, wo sie früher noch milieubildend war, wird sie heute von der Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr als maßgeblich für die Gestaltung des Alltags angesehen. Religion ist heute ein Aspekt des Lebens, neben vielen anderen. Es findet zudem eine Diversifizierung von religiösen Angeboten statt, sodass die katholische Kirche in Österreich ihre Monopolstellung verloren hat. Während sich in Deutschland und in der Schweiz das katholische Milieu unter anderem durch die Abgrenzung gegenüber den Protestanten definierte, war in Österreich vor allem der Kontrast zur sozialistischen Partei prägend. Diese zwei großen Lager schrumpften und das Lagerdenken nahm in den letzten Jahren ab.
Das Aufbrechen des Lagerverhaltens eröffnete den Volksparteien aber auch neue Perspektiven und Wählerschichten. So sollen „alle Menschen guten Willens“ durch modernisierte Parteiprogramme angesprochen werden, die Themen wie Umweltschutz, Menschenrechte, soziale Marktwirtschaft und soziales Engagement beinhalten, die überkonfessionell alle Bevölkerungsschichten betreffen. Diese Grundsätze basieren alle auf dem auf christlichen Glauben.
Die Geschichte
In der Schweiz entstand der Vorgänger der heutigen Christdemokratischen Volkspartei aus den Kultur- und Klassenkämpfen des 19. Jahrhunderts. Anfangs entstand die Partei als katholisch-konservative Antwort auf die laizistische und liberale Strömung, später bildeten Kommunisten und Sozialisten das gegnerische Lager.
Ähnlich entstand in Österreich aus dem politischen Katholizismus eine dem Liberalismus und Kapitalismus sehr kritisch gegenüber stehende Bewegung, in der sich Handwerker, der niedrige Klerus und Beamte zusammenfanden. Mit der Radikalisierung der Arbeiterschaft in der Hauptstadt Wien traten viele Bürger den Christlichsozialen bei. In den Anfängen des 20. Jahrhunderts entwickelten sich die Christlichsozialen zu einer staatstragenden Partei und versöhnten sich mit Wirtschaft und Industrie. In der Zwischenkriegszeit waren die Christlichsozialen quasi die „Schutzmacht“ der katholischen Kirche und blockten erfolgreich alle Versuche der Sozialisten, den Staat zu säkularisieren, ab.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war die katholische Soziallehre eine der prägenden Säulen der ÖVP. Katholische Verbände standen geschlossen hinter der ÖVP und für Katholiken war die ÖVP lange Zeit die einzige wählbare Partei, auch wenn es durchaus Gläubige gab, die sich als „links“ verstanden. Vor allem durch die Bemühungen von Kardinal Franz König schwächte die SPÖ ihren Antiklerikalismus ab. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil änderte sich die Kirche: Offenheit sollte für das neue Kirchenbild prägend sein. Die Kirche wurde zu einer Institution, die sich äquidistant und kritisch gegenüber allen Parteien verhielt.
Christliche Politik in der Zukunft
Die Pluralisierung der Wertvorstellungen in der Gesellschaft geht zügig voran. Daher darf man berechtigterweise die Frage stellen, inwiefern eine christliche Politik noch attraktiv ist. Zwar sind viele Bewohner der Schweiz und Österreichs offiziell noch katholisch, jedoch haben die meisten eine säkulare Lebenseinstellung und gehen zur Organisation Kirche auf Distanz. Dennoch hält die ÖVP an ihren christlichen Wurzeln fest. In ihrem geltenden Grundsatzprogramm aus dem Jahr 1995 heißt es, dass ihre “gesellschaftspolitischen Grundsätze aus dem christlichen Bekenntnis zur Würde des Menschen” begründet sind und dass ihre “Grundsätze auf dem christlich-humanistischen Menschenbild” beruhen. Auch die Sozialdemokraten betonen in ihrem Grundsatzprogramm aus 1999, dass “Sozialdemokratie und Religion keine Gegensätze darstellen”.
Christlich inspirierte Politik wird in vielen Politikfeldern von der ÖVP unterstützt. In der Familienpolitik plädiert eine christliche Politik für den Schutz der Mütter und der Familien, in der Arbeitspolitik für eine vernünftige Regelung der Arbeitszeit mit besonderer Rücksicht auf die sonntägliche Ruhe. Auch im Bereich der Ökologie und der Wirtschaft ist die christliche Soziallehre gefordert. Umweltschutz ist für alle Menschen, für die die Welt Gottes Schöpfung ist, auch eine Verantwortung gegenüber Gott. Marktwirtschaft wird zwar positiv gesehen, aber in mit der Einschränkung, dass Mensch und Umwelt Vorrang vor Wettbewerb und Gewinn haben. Die ökosoziale Marktwirtschaft, eine wichtige Säule des ÖVP-Parteiprogramms, begreift die Menschen als Individuen und als Teile der Gesellschaft. Eine solche solidarische Gemeinschaft führt das Gemeinwesen in eine harmonische und friedliche Zukunft.









